"DIE UMARMUNG DES BOXERS"

Leseprobe:

I

Klebrige Dumpfheit schwappt mir mitten ins Hirn. Der Schleier will sich nicht lüften. Der Boden unter meinen Füßen trägt, aber er fühlt sich nicht fest an. Das Küchenfenster steht offen, stickige Luft bohrt sich in meine Augen und setzt den Schleier in Brand.
Durch den brennenden Schleier werfe ich einen Blick hinaus. Ab dem dritten Stockwerk abwärts scheint Nebel den Hinterhof zu erfüllen.
Seltsame Wettererscheinung im Mai. Ganz rosa ist der Nebel und dick wie Zuckerwatte.
Das muss der Restalkohol sein.
Trotz Zuckerwatte erkenne ich die Kinder, die da unten Verstecken spielen. Wie jeden Sonntagvormittag.
Das hilft immerhin, mich zeitlich zu orientieren. Ich weiß, dass ich getrunken habe. Dann ist alles weg. Ich klappe die Augendeckel zu, um in der brennenden Dunkelheit ein paar Erinnerungen aufzutreiben.

Karl, der neue Praktikant, stolpert über ein Kabel auf der Hinterbühne, und ich denke: Hoffentlich reißt der jetzt nicht,
kurz vor Schluss, das Tonkabel raus. Die Abschlussrede zur Preisverleihungsgala kommt zum Ende. Meine Anspannung beginnt langsam nachzulassen.

Ich werfe einen Blick zu Jochen hinüber, meinem Chef, und bemerke, dass es ihm genauso geht. Diese Veranstaltung ist die größte, die unsere Event-Agentur je organisiert hat, und bisher ist alles optimal gelaufen. In Jochens Gesicht sehe ich aufkeimende Freude, während mir die ganze Sache im Grunde völlig egal ist. Darüber denke ich kurz nach.
Dann die kurze Stille vor dem Schlussapplaus. Ich stelle mir vor, dass die Druckwelle vor der Detonation einer Bombe sich so anfühlt. Vorbote einer gewaltigen Energieausschüttung. Der Applaus rollt wie eine Welle über uns alle hinweg – und das ist der Moment. Der Moment der Entscheidung, auf den ich fünf Jahre lang gewartet habe:
Es ist zu Ende.
 
Ich öffne die Augen, der Brand hat nachgelassen, und die Dinge fallen an ihren Platz:
Nachdem wir uns alle ausgiebig gratuliert hatten zu der grandiosen Arbeit, die jeder von uns geleistet hatte, waren alle zur After-Show-Party gegangen. Und ich hatte mir einen großen Gin-Tonic genehmigt.
Ich trinke selten, weil ich vom Betrunkensein meistens traurig werde. Aber jetzt hatte ich Grund zu feiern. Nicht so sehr, weil ich an diesem Tag 32 Jahre alt geworden war, sondern weil ich endlich eine Entscheidung getroffen hatte.
Und darauf trank ich. Der Gin-Tonic ging auf ex, dann bestellte ich noch einen, jemand gab die obligatorische Runde Tequila aus, die nächste ging auf mich, und das war’s, mehr weiß ich nicht. Da sind nur ein paar kreisende Bilder, Farben, Lachen und ein trockener Geschmack im Mund. Eine verschwommene Erinnerung an wachsende Übelkeit und Besorgnis in unerkannten Gesichtern. Ich tanzte. Und Black.
Über alles, was danach kam, kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich hatte seit dem Frühstücks-Croissant nichts gegessen, wie oft, wenn der Stress meinen Magen zu einem klitzekleinen Paket zusammenschnürt.
Wir alle hatten jede Minute zu tun gehabt, aber nur ich hatte keine einzige Pause gemacht. Dabei ging es mir nicht mal darum, jemanden zu beeindrucken. Ich werde zu solchen Anlässen, in der Endphase eines Projektes, zu einer Maschine ohne Bedürfnisse. Manchmal vergesse ich sogar einen ganzen Tag lang, aufs Klo zu gehen.
Ich habe mich gestern nicht das erste Mal betrunken. Aber noch nie hatte ich einen Filmriss. Ich wüsste gerne, wer mich nach Hause gebracht hat. Eigentlich kann es nur Jochen gewesen sein. Ausgezogen hat er mich offensichtlich nicht, denn ich trage dieselben Klamotten wie gestern. Aber warum stehe ich jetzt hier in der Küche, ohne mich an ein Aufwachen oder Aufstehen zu erinnern? Ich habe keine Kopfschmerzen. Dafür sehe ich rosafarbenen Nebel und mein Herz rast.
Um wieder im Hier und Jetzt anzukommen, wende ich mich erst mal dem Abwasch zu. Er hat Zuwendung bitter nötig. Die letzte Woche war hektisch und voller Arbeit, keine Zeit für schmutziges Geschirr. Ich arbeite langsam, denn ich muss all meine Bewegungen durch diese dicke Luft pressen und das dauert…
Außerdem will ich gründlich sein. Sorgfältig stelle ich jedes einzelne Geschirrteil an seinen angestammten Platz. Als ich beim Tellerservice ankomme das meine Stiefmutter Monika mir geschenkt hat, schießt der Ärger ein paar Gramm Adrenalin in meine Blutbahn und ich fühle mich ein bisschen klarer.
Meine Stiefmutter Monika ist gestorben, kurz nachdem sie mir dieses Tellerservice geschenkt hatte. Ich konnte es nicht leiden, von Anfang an nicht – aber nach ihrem Tod brachte ich es nicht mehr fertig diese kotfarbenen Teller wegzuwerfen. Weil mich plötzlich die Vergeblichkeit ihres Bemühens rührte, Ähnlichkeiten zwischen uns heraufzubeschwören. Ähnlichkeiten, die es mit meiner Stiefmutter nie, mit meinem Vater aber sehr wohl gegeben hatte. Nur dass ihm offenbar nichts daran lag.
    "Schau, dieses Service hat mir so gut gefallen – und wir haben doch einen so ähnlichen Geschmack!" Arme Monika.
Mein Vater hielt nach ihrem Tod auch nicht mehr lange durch und nun sind beide tot und mir bleibt – zum zweifelhaften Trost – dieses Tellerservice, mit dem Monika total danebengelegen hatte. Wie so oft …
Jetzt, da ich beschlossen habe mit dem Leben, in dem ich zu sterben glaube, aufzuhören, finde ich es hilfreich, dass sie beide schon unter der Erde liegen. Nebeneinander in einem Familiengrab, das ich, seit sie dort versenkt wurden, nicht ein einziges Mal besucht habe.
Andere nähere Verwandte gibt es nicht, jedenfalls weiß ich nichts von ihnen. Und das bedeutet, ich muss niemandem mitteilen, was ich jetzt tun werde: Mir einen guten Platz zum Sterben suchen, an dem ich mich ungestört und ohne Ablenkung auf diese letzte Sache konzentrieren kann.
Ich werde nicht nachhelfen müssen. Seit fünf Jahren spüre ich den Tod in mir wachsen, aber nie habe ich ihn als Aufforderung wahrgenommen, „Hand an mich zu legen“, wie man so sagt. Nein. Der Tod ist in mir aufgestanden und hat dafür gesorgt, dass ich mich an ihn gewöhne. Und jetzt wird er mich holen.
Ich gehe ihm nur ein bisschen entgegen.
Die Farbe des Nebels hat eine Wendung ins Purpurne genommen. Ich habe großen Durst und stürze drei Gläser Leitungswasser in mich hinein. Das versickert wirkungslos irgendwo, der Durst bleibt. Immer noch toben die Kinder im Hof herum.
Ich denke an Agathe, meine leibliche Mutter. Unter anderen Umständen hätte ich sicher das Bedürfnis verspürt, mich von ihr zu verabschieden. Mich ihr zu erklären. Aber meine Mutter Agathe verschwand, kurz bevor ich mein fünftes Lebensjahr erreichte. Die Sehnsucht nach ihr ist längst ein Teil von mir, wird es bis zum Ende sein.
Das ist nicht schlimm, denn meine sehnsüchtige, lückenhafte Erinnerung an sie ist bunt und heiter. Nach ihrem Verschwinden existierte meine Mutter nur noch als ein zerknittertes Foto, das mein Vater heimlich in seiner Pilotentasche herumtrug und als ein Flüstern hinter vorgehaltener Hand.
Als ich älter wurde und nachzufragen begann, verstummte dieses Flüstern. Auch das Foto verschwand. Nur sehr selten tauchte der Gedanke an sie noch auf, wie ein Phantomschmerz. So, als die alte Hexe im kleinen Lebensmittelladen unseres Viertels keifte:
    „Du bist eine Hure, genau wie deine Mutter! Ein Mädchen ohne Moral! Dich werden sie auch einsperren!“
Das, als sie mich mit ihrem Sohn beim Knutschen erwischte – ich war zehn, er siebzehn. Moralisch oder nicht, es hatte uns beiden Spaß gemacht. War meine Mutter für einen ähnlichen Spaß eingesperrt worden? Wo?
Als ich diese Frage am Esstisch stellte, wo wir in fester Ordnung saßen, mein Vater, Monika und ich, wurde meine Mutter Agathe endgültig zum Tabu. Meine Frage verklang in einer bleischweren Stille. Gesenkte Köpfe und erstarrte Kaumuskeln. Monika stand auf, zischte mit schmerzverzerrtem Gesicht:
    „Das ist der Dank!“, und verließ den Raum. Ein langer Blick von meinem Vater, der schließlich hart schluckte.
    „Deine Mutter hat uns verlassen und das ist alles, was du wissen musst. Ich will nicht darüber sprechen.“
Tränenglanz in seinen Augen, und zurück zur Suppe.  (...)

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